Die Geschichte vom Garten ist von tiefer Symbolik. Schon im Mittelalter war der Topos des „Hortus conclusus“ ein beliebtes Motiv in Malerei und Literatur: der geschlossene Garten, ein gleichermaßen geschütztes wie unerreichbares Gebiet, zu dem nur Auserwählte Zutritt hatten. Es ist eine Symbolsprache, mit der ein abstrahierter, stilisierter Kunstraum geschaffen wird, der als Instrument der Bewusstwerdung dient. Und es wird kaum Zufall sein, dass sowohl Platon wie Epikur wie - später - Francis Bacon ihre Philosophie in Gärten entwickelten. Der Letztgenannte empfahl in seinem Essay „Of Gardens“ noch ganz traditionell die Geometrie in Fragen der Gartengestaltung: „Am besten ist,“ sagte er „wenn ein Garten viereckig und von jeder Seite umrahmt ist.“ Insofern könnte er ja auch ein Bild sein.

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Rosenkranz, 2010/11, Silicon über Aluminiumrahmen, 176 x 143 cm

o.T., 2011, Acryl und Harz, 130 x 115 cm

o.T., 2011, Wachs auf Kristallspiegel, 50 x 50 cm

Vom Werden und Vergehen des Bildes im Kopf des Betrachters Wer sich vor den Bildern von Michael Krupp ungeduldig und zeitgetrieben zeigt, verpasst einfach alles: allein die Farbe lässt etwas entstehen … Aber was? Aus der Nähe sieht man am wenigsten – man bleibt vor der Leinwand, vor der Farbe stecken und manchmal löst sich das Bild zurück in seine Elementarteilchen auf und verflüchtigt sich vor den Augen in zahllose Facetten. Aus der Entfernung betrachtet, teilt sich – erst nach einer gewissen Zeit – die Bildfläche und dann wird eine gleißende Horizontlinie sichtbar. Oder man kann hellere Kanten und dunklere Flächen unterscheiden, Strömungen und Farbstrudel. Nie wird so ganz aufgelöst, was genau der Betrachter sehen soll und was im Verborgenen bleiben soll.


dawn, 2008, Acryl auf Leinwand, 43 x 39 cm (linkes Bild)
o.T., 2011, Acryl auf Leinwand, 41,2 x 38,2 cm (Mitte)
o.T., 2011, Silberpigment und Acryl auf Leinwand, 57,8 x 57,8 cm (Rechts)

Michael Krupp entwirft ebenso elegische wie ironische Bildwelten. Bilder voll glänzender, chromfarbener Schatten, die so trügerisch kostbar schimmern, dass sie den Betrachter unweigerlich anziehen. Immer hat er nach einer optimalen Grundierung, nach den optimalen Rezepturen gesucht, die die Farben tragen und zur Geltung bringen. Er fand schon früh Silberpigmente und Acrylfarben, die sich plastisch formen lassen und glänzend auf der Oberfläche antrocknen, die das Licht absorbieren oder reflektieren und dadurch wie kostbare Lacke wirken.


o.T., 2011, Acryl auf Leinwand, 57 x 57 cm
o.T., 2010, Acryl auf Leinwand, 57 x 57 cm
o.T., 2011, Silberpigment und Acryl auf Leinwand, 57 x 57 cm
o.T., 2011, Silberpigment und Acryl auf Leinwand, 57 x 57 cm

Die Farben entstehen erst durch diese Reflektionen. Es gibt da kein leuchtendes Rot, kein Blau, Grün, Gelb - nichts Buntes, sondern nur diese silbrigen, porzellanfarbenen, elfenbeinschwarzen Töne und manchmal eine gleißende Morgenröte. Die Palette reicht gerade einmal „from dusk till dawn“. Sein klares Weiß klärt nicht auf, sondern führt direkt in einen unbestimmbaren Zwischenraum von Sehen und Nicht-Sehen. Vielleicht sehen wir dann die Innenwelt der Außenwelt.
HELGA SCHOLL (Auszüge aus der Eröffnungsrede)


o.T., 2011, Silberpigment und Acryl auf Leinwand, 40 x 40 cm

o.T., 2009, Silberpigment und Acryl auf Leinwand, 68 x 59 cm

Alle Fotos: PETER HINSCHLÄGER
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