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Beate Selzer und Astrid Piethan | und die Kleider meiner Tante

04. August - 16. September 2007

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Musterung

Im Winter 2006 wurde die Malerin Beate Selzer (*1962, lebt in Mönchengladbach) von der Galeristin Marie-Hélène von der Milwe eingeladen, den umfangreichen Nachlass ihrer verstorbenen Tante zu sichten. Dieser Nachlass der ehemaligen Schneiderin besteht aus zahllosen Kleidern und Kleidungsstücken aus den 1960er und 1970er Jahren der zu Lebzeiten sehr modeinteressierten Tante.

Die Künstlerin Beate Selzer fühlte sich spontan angesprochen von den zum Teil extravaganten Stoffmustern der Kleider, spielen doch Muster eine zentrale Rolle in ihrem eigenen malerischen Œuvre. Selzer wählte zunächst einige besonders interessante “Muster-Kleider“ aus dem Fundus aus, und disponierte sie an den Atelier-Wänden, kombiniert mit ihren Gemälden und Utensilien. In der Hängung erscheinen die Stilleben mit Kleid wie malerische Farbfeld- und Op-Art Erkundungen der 1960er Jahre. Sehr genau wurde dabei die Umgebung der Kleider ausgewählt, jedes Requisit korrespondiert mit Muster oder Farbe der Kleider. Nun kam auf Einladung von Beate Selzer die Kölner Fotografin Astrid Piethan (*1973) zu dem Projekt, und die Dimension der Gemeinschaftsarbeit setzte ein.

Bei den Fotosessions fungierte Beate Selzer als Trägerin der Kleider, also als Darstellerin. Durch die gewählten Bildausschnitte und Körperhaltungen war sie en face nicht erkenntlich. Dies widerspricht der herkömmlichen Modefotografie, die die Gesichter der Models gerne in den Fokus rückt. Die “Kleiderporträts“ bieten durch ihre Befreiung vom Gesicht Identifikationsflächen für den Betrachter an und lenken den Blick stärker auf die Durchmusterung der Bildkomposition.

In analogem Mittelformat fotografierte Piethan die Inszenierungen, von denen elf in einer Größe 30x40 cm und in 5er-Auflage als Farb-Handabzüge von ihr gefertigt und auf Aludibondplatten aufgezogen wurden. Faszinierend ist die Mise en scène der Fotos in ihrem versierten Spiel aus Tiefschärfe und Detailbetonung, bei der kleine “Fehler“, Kippstellen, wie Anschnitte oder ausgesuchte Untergründe eine spannende Bildästhetik ergeben. Gemusterte Kacheln und Bodenbeläge erweitern die Thematik des Musters und der bildparallelen Ebenen. Die ausgeblitzten Arrangements bestechen durch eine klare, dezidierte Farbdramaturgie.

Die Ausstellung Beate Selzer und die Kleider meiner Tante in der Galerie von der Milwe zeigte eine verwobene Interaktion von den Ölgemälden von Beate Selzer und den Fotografien von Astrid Piethan, die im Zusammenwirken mit den Kleidern entstanden sind. So ergab sich ein bezugreiches Panoptikum, in dessen Erkunden tradierten Fragen nach künstlerischer Autorenschaft ganz neue, zeitgemäße Antworten geliefert wurden. In der kuratorischen Praxis der Ausstellungseinrichtung erreichten die beiden Künstlerinnen jenen berühmten Mehrwert, der ungleich mehr präsentiert als die Summe der Einzelteile: die Werke verschmelzen symbiotisch zu einem neuen, raumgreifenden Kunstwerk.

Die stillen, präzisen Ölgemälde von Beate Selzer erschienen in der Ausstellung in “Dopplung“: als Komponente der Fotografien in Reproduktion, und als Unikat in realiter an den Galeriewänden.

Selzer malt mit Ölfarbe, der sie Pigmente und Marmormehl beimischt, auf kleinformatige MDF-Tafeln. Die in vielen lasierenden Schichten erstellte Oberfläche ist matt. Erst diese Maltechnik ermöglich ein feines Durchschimmern von Farbräumen zwischen den Stegen ihrer gewählten Muster, die an Textildesign erinnern, jedoch auch gerne hauchfein von der maschinell exakten Musterung abweichen. Anleihen an Konkrete Kunst sind ebenso willkommen, wie an die Formensprache von Design und Dekor der 1960er und 1970er Jahre.

Obgleich die 17 x 17 cm bzw. 30 x 30 cm großen Gemälde nahezu durchgängig gegenstandslos sind, ergeben sich immer wieder Interventionen zwischen Abstraktion und Figuration: Allein das Zusammentun von “Fremdartigem“, wie beispielsweise einer Löwenzahn-Pflanze, eingefügt in die gegenstandslose, ornamental-flächige Bildsprache, (ver)führt zur Ansicht einer Landschaft und schafft eine ungeahnte Räumlichkeit in den Bildern.

Die Verbindung zwischen Mensch, Zeit, Raum und die Kleider, die diese Epochen widerspiegeln – sowie die Frage, wie ästhetische Wertschätzung entsteht – das sind Themen, die Beate Selzer als auch Astrid Piethan in dieser Ausstellung beschäftigten – zum Hochgenuss des Betrachters.

Elke Kania


Biographie Beate Selzer

1962 * Düsseldorf
1982-1989 Studium der Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Professor Jan Dibbet
1988 Meisterschüler
1988 Förderpreis der Deutschen Bank
1993-95 Wasserturmstipendium, Mönchengladbach
2007 Atelierstipendium der Karl Hofer Gesellschaft, Berlin

Ausstellungen (Auswahl)

2007
StipVisite (Karl Hofer Gesellschaft, Berlin) (G)
deja- vu (Kirche Maria Himmelfahrt, MG) (G)

2006
Septemberfrüchte (Altes Museum Mönchengladbach) (G)

2005
Es ist nämlich so
Eine Sinfonie des Unordnens
Galerie Hubertus Wunschik Mönchengladbach

2004
Badeanstalt (reinraum Düsseldorf)
365 Tage (reinraum Düsseldorf) (G)
"Sehgrund" (Kunstwerke Bochum) (E)

2003
Zeit-Zeichen (Kunsthaus Bremen) (G)
concerning mg (Altes Museum Mönchengladbach) (G)

2002
"Kunstmeile Euroga" (Mönchengladbach) (G)
"Chor" (Kapelle Maria-Hilf, Mönchengladbach) (G)

2001
"Wandelung" (KunstfensterKronenstr. 5, Vorst)
"Wandelung" (Galerie rot, Aachen) (G)

2000
"Ballhaus Aufführung" (Ballhaus im Nordpark Düsseldorf) (G)
"Takt" (Kunstverein Düsseldorf) (G)

1999
Museum Schloss Rheydt (Mönchengladbach) (G)

1998
Städtische Galerie Peschkenhaus (Moers) (G)

1997
Galerie Konrad Mönter (Meerbusch) (E)

1996
Städtische Galerie (Kaarst) (E)
Altes Museum (BIS Mönchengladbach) (G)
Stadtsparkasse (Mönchengladbach) (G)
Kunsthaus (Bremen) (G)

1995
Galerie Grahn (Mönchengladbach) (E)

1994
Forum Kunst (Hannover) (E)

1992
Schauspiel Essen (E)

1991
Galerie Offermann (Köln) (E)

1990
"Zur Malerei" (Neuer Aachener Kunstverein) (G)

1989
Kunstverein Lünen (G)

1988
"Kunst heute" (Europaparlament Brüssel) (G)

E: Einzelausstellung, G: Gruppenausstellung, KAT: Katalog


Biographie Astrid Piethan

1973 * Mönchengladbach
1994-1999 Studium der visuellen Kommunikation, FH Aachen bei Prof. Wilhelm Schürmann
1999-2004 Studium Kunstakademie Düsseldorf, Prof. Magdalena Jetelová
Arbeitet als freischaffende Künstlerin und Fotografin in Köln.
Zusammenarbeit mit Jörg Koslowski unter dem Namen DAN DRYER
Arbeitsschwerpunkt Fotografie, Video, Installation

Ausstellungen (Auswahl)

2007
DAN DRYER Galerie Sejul, Seoul, Südkorea

Förderpreis Nachwuchskünstler, Steinfurt
DAN DRYER Kunstraum BLAST, Köln

2006
DAN DRYER NATO, Rheindahlen Rooms
DAN DRYER Künstlerhaus Dortmund
DAN DRYER Galerie Pictura, Dordrecht, Niederlande
DAN DRYER Galerie im Turm, Köln (E)
DAN DRYER countryclub, internationales Videokunstfestival, Mönchengladbach

2005
DAN DRYER c/o Mönchengladbach
DAN DRYER offene Ateliers, Köln

2004
DAN DRYER Galerie Art Factory, Prag, Tschechische Republik
DAN DRYER Medio, Bergheim
DAN DRYER Walzwerk, Pulheim
DAN DRYER Stadtgalerie, Kosice, Slowakei
MM III, Kunstverein Mönchengladbach
altes Museum, Mönchengladbach

2003
DAN DRYER Galerie LAB, Straßburg, Frankreich
1.Preisträger "PhotoVision 2003 ", Galerie in focus, Köln
DAN DRYER c/o, Mönchengladbach
CBKN Nijmegen, Niederlande (E)
DAN DRYER gamba garage, Köln

2002
1.Preisträger "Kunst mit Fotografie", städt. Galerie Peschkenhaus, Moers (Kat)
DAN DRYER National Center for Contemporary Art, Moskau, Russland (Kat)
DAN DRYER Kunstverein Palais Hirsch, Schwetzingen
DAN DRYER Kunstverein Wilhelmshöhe, Ettlingen (Kat)
DAN DRYER Labsal, Köln

2001
Medienzentrum Plasy, Tschechische Republik
Photography now, Praterinsel, München
DAN DRYER Villa de Bank, Enschede, Niederlande (E)

2000
Reinhart Wolf photographische Stiftung, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg
PPS Galerie, Hamburg

1999
Kunstverein Herzogenrath, Aachen
Kunstverein Mehrwert, Aachen

1998
The Physics Room, Christchurch, Neuseeland (E)

1997
Kunstverein Mehrwert, Aachen (E, Kat)

E: Einzelausstellung, G: Gruppenausstellung, KAT: Katalog